Edward und die Bullen

Bilder und Geschichten spielen mit Illusionen. Mit Wissen und mit nicht wissen. Mit erzählen und mit nicht erzählen. King Edward erzählt auch nicht alles. Wer er ist. Und wer er nicht ist.

Heute war die Arbeit wieder hart. Als ich nach Hause komme, lege ich mich erstmal auf das weiche Schafsfell vor dem Kamin. An meinem ganzen Körper spüre ich die Schläge, die er mir versetzt hat. Scheiß Bulle. Ich schmecke noch immer sein Blut zwischen den Zähnen. Mein Name ist Edward. Nicht jeden Tag kille ich einen, aber meistens bin ich es, der ihnen den Todesstoß versetzt. Denn ich bin der Beste. Deswegen nennt man mich auch King Edward. Oder einfach den „King“. Es ist nicht alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Die geschwungenen Formen und das regelmäßige Muster lassen uns besonders in den unscharfen Bereichen des Fotos an ein Textil denken. Allerdings hat die Wirklichkeit nichts mit einem weichen Stoff zu tun. Es handelt sich um die Fassade eines Einkaufszentrums in Birmingham. Auf den an ihr angebrachten Metallschalen kann man die Spiegelung eines gegenüberliegenden Gebäudes erkennen. Wenn ich mal wieder einen getötet habe, nennt er mich King Edward. Aber heute bin ich nur Ed. Er nimmt mir mein Fell weg und lässt mich auf dem harten Steinboden liegen. Es soll mich für das nächste mal abhärten. Es ist eine Strafe. Heute hat ein anderer den Bullen erledigt. Ich hatte mich zwar in sein Bein festgebissen und ihn somit entscheidend geschwächt, aber das war zu wenig. Heute wird ein anderer von seinem Herrschen belohnt werden. Durch das kontrastreiche Abwechseln von Königsblau und Silber entsteht eine Struktur, die in uns andere Assoziationen hervorruft als die, die wir mit einer Konstruktion aus Stahl und Beton hätten. Die Unschärfe verleiht dem Bild eine unerkennbare Tiefe am rechten Bildrand und zugleich eine aufdringliche Nähe am linken. Genau wie die Historie dieses Gebäudes eine zunächst unerkennbare Tiefe und schließlich eine aufdringliche Nähe hat. Im 16. Jahrhundert gab es hier neben einem Textilmarkt auch das sogenannte Bull-Baiting. Einen Sport, bei denen man Bullen gegen Hunde kämpfen ließ. Dafür wurden sogar spezielle Hunde gezüchtet: Die English Bulldogs. Die Nacht auf dem Steinboden hat mir nicht gut getan. Es fällt mir schwer den Hörnern des Bullen auszuweichen. Einen meiner Kollegen hat er schon durch die Luft geschleudert. Mein Besitzer peitscht den Bullen weiter an. Er bewirft ihn mit Steinen, um ihn wild zu machen. Der Bulle nimmt das zum Anlass auf ihn zu zu sprinten. Doch mein Besitzer fühlt sich sicher. Kurz bevor es sich spannt, beiße ich mich in dem Seil fest, das den Bullen hält. Als es sich stramm zieht, fliege ich durch die Luft. Es reißt.